FINALE NEBEN DER ROYAL-BOX ERLEBT
VON JÖRG WOHLFEIL
Der Lüchower Helge Albrecht genoss die beiden Endspiele des traditionsreichsten Tennisturniers der Welt in Wimbledon und war begeistert
Lüchow. Helge Albrecht ist erst vor ein paar Tagen aus London zurückgekehrt und noch immer schwer beeindruckt. Er durfte mit seiner Frau Frauke eine besondere Auszeit genießen: Als einer der vermutlich sehr wenigen Lüchow-Dannenberger war der Tennisenthusiast jüngst als Zuschauer beim Rasenturnier in Wimbledon dabei, dem traditionsreichsten Tennisturnier der Welt. Und das nicht nur in einer der Vorrunden, sondern gleich in beiden Endspielen auf Topplätzen unweit der königlichen Box. „Ein einmaliges Erlebnis, ein Traum, dass ich das erleben durfte“, ist der Tenniskenner noch immer begeistert und erzählt, wie er überhaupt an die heiß begehrten Tickets für das Mega-Event gekommen ist. Denn für gewöhnliche Fans ist selbst das Ergattern von einfachen Karten ein Glücksspiel. Wer sich online registriert, muss darauf hoffen, beim Wimbledon-Public-Ball ausgelost zu werden. Wobei die Nachfrage das Angebot bei weitem übersteigt. Oder sich beim Queue-System in eine Warteschlange einreihen und spekulieren, eines der wenigen Tickets zu erhalten, die auf diesem Wege an die Fans gebracht werden. Wobei die besonders tennis-hungrigen oft mehrere Nächte vor Ort campieren, um sich einen Platz in der Schlange zu sichern. Derartige Mühsal blieb Helge Albrecht dank guter Kontakte in die weite Tenniswelt erspart. Im Moment ist er gerade mit Volldampf dabei, die nächsten organisatorischen Weichen für sein Tennis-Seniorenturnier auf Mallorca zu stellen. Es ist das wohl größte Altersklassenturnier der Welt mit zuweilen mehr als 900 Teilnehmenden.
Beim Kisten packen, telefonieren mit Teilnehmenden oder Mails schreiben – schwirren ihm zwischendurch aber noch immer die Bilder vom Centre Court des altehrwürdigen All England Lawn Tennis Club Wimbledon durch den Kopf.
Vier Finaltickets als Geschenk erhalten.
Dort ist unter anderem Pauline Fischer Mitglied, eine der besten Spielerinnen der Altersklasse der Frauen 70 in der Welt. Sie ist regelmäßig beim Turnier auf Mallorca dabei und mit Albrecht befreundet. „Weil sie in Wimbledon Mitglied ist und wir uns gut kennen, habe ich sie einfach mal angeschrieben und gefragt, ob ich Karten von ihr bekommen könnte“, erzählt der Lüchower. Die Antwort verschlug ihm beinahe die Sprache. Albrecht erhielt die Zusage für jeweils Tickets für das Endspiel der Frauen und der Männer. „Ich habe sie gefragt, was mich das kostet“, erzählt der Lüchower.
Fischers unerwartete Replik, laut Albrecht. „Gar nichts. Die schenke ich dir, weil wir befreundet sind.“ Das hiesige Tennis-Urgestein konnte es kaum glauben. Spätestens als Frauke und Helge Albrecht den Center Court ziemlich früh am ersten Finaltag betraten, war das Abenteuer Wimbledon für den Wendländer Realität. „Die Anlage ist beeindruckend“, beschreibt Albrecht
„Als Tennisspieler
schmerzt das
schon sehr.“Helge Albrecht zum 0:6, 0:6 im Frauenfinale in Wimbledon
die zwei großen Arenen, mehrere mittelgroße Spielfelder mit Tribünen und etliche weitere Rasenplätze. „Das Drumherum und das Rahmenprogramm sind gewaltig“, erzählt Albrecht und meint damit nicht nur das traditionelle Erdbeeren-und-Sahne-Angebot als Snack oder den inoffiziellen Dresscode, bei dem Zuschauer eingeladen sind, sich vornehm in Kleid oder Anzug und mit Krawatten zu kleiden, um die formelle Atmosphäre des Turniers zu unterstreichen.
Weniger beeindruckend als die immer wieder sichtbaren Promis wie Kate, die Prinzessin von Wales, André Agassi, Martina Navratilova oder Frauen-Tennis-Legende Billie Jean King war am ersten Tag allerdings das Endspiel der Frauen, in dem die Amerikanerin Amanda Anisimowa vor 15.000 Zuschauenden völlig chancenlos gegen die Polin Iga Swiatek war – 0:6, 0:6. Es war das erste Wimbledon-Finale mit diesem Resultat, insofern waren Frauke und Helge Albrecht Zeugen eines historischen Sportereignisses. „Für die Zuschauer war das natürlich enttäuschend, alle haben mit der Verliererin mitgelitten“, sagt Albrecht. „Als Tennisspieler schmerzt das schon sehr.“ Immerhin hatten die beiden Lüchower zuvor ein packendes Männer-Doppelfinale erlebt, in dem sich die beiden Briten Juan Cash und Lloyd Glasspool den Sieg verdienten. Damit gewannen erstmals seit 100 Jahren zwei Engländer diesen Titel – noch ein historischer Moment für die beiden Wendländer.
Restlos begeistert waren Albrecht und seine Frau tags darauf vom Männerfinale zwischen dem Italiener Jannik Sinner und dem Spanier Carlos Alcaraz, die sich schon im Endspiel der French Open in Paris ein episches Match über fünfeinhalb Stunden geliefert hatten. Diesmal ging es beim Vier-Satz-Sieg Sinners etwas zügiger, trotzdem war die Faszination groß. „Nachdem Alcaraz den ersten Satz gewonnen hatte, hat das ganze Stadion Sinner angefeuert. Aber als es 2:1 nach Sätzen für den Italiener stand, haben alle nur noch „Carlito, Carlito“ gerufen“, beobachtete der Lüchower, wie die Sympathie drehte. Tempo kommt im Fernsehen nicht annähernd rüber. Frauke Albrecht war vor allem vom hohen Tempo beeindruckt, mit dem sich die beiden derzeit mit Abstand besten Tennisspieler der Welt die Bälle um die Ohren schlugen. „Diese unglaubliche Geschwindigkeit kommt im Fernsehen nicht annähernd rüber.“ Auch ihr Mann war beeindruckt: „Beide haben sich ein Feuerwerk von hochklassigen Grundlinienduellen, gepaart mit vielen Volley-Attacken und traumhaften Stoppbällen, geliefert“, staunte Albrecht, der schon viel Spitzentennis, unter anderem bei Davis-Cup-Finals oder vor rund 20 Jahren bei den Tennis-Weltmeisterschaften in Hannover, erlebt hat.
„Das Endspiel in Wimbledon war das Beste, das ich je miterleben durfte.“